Bericht über das XIII. Treffen der Nachkommen am 14. April 2024 im Kinosaal der Gedenkstätte Buchenwald

29. April 2024

Am Sonntag, 14.04.2023, fand das inzwischen traditionelle XIII. Treffen der Nachkommen, organisiert von der LAG Buchenwald-Dora e.V., im Kinosaal der Gedenkstätte Buchenwald statt.

Das Thema war in diesem Jahr „Zwangsarbeit“.

Der Kinosaal war gut gefüllt – ein ermutigendes Zeichen in Zeiten von wieder erstarkendem Rechtsradikalismus, Fremdenhass, Antiziganismus und Antisemitismus.

Unter den zahlreichen Gästen waren neben Vertretern des IKBD, an der Spitze mit dem Präsidenten Naftali Fürst, Professor Jens Christian Wagner (Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora), Vertreter des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland, Antifaschisten aller Altersgruppen, Nachkommen der 2., 3. und 4. Generation.

Moderiert wurde die Veranstaltung vom Vorstandsvorsitzenden der LAG, Karl-Friedrich Limburg, Sohn des Häftlings #4 des KZ Buchenwald, Dr. Albert Otto Limburg.

Grußworte an das Treffen der Nachkommen richteten neben Naftali Fürst Prof. Dr. Jens Christian Wagner und auch die wegen Krankheit nicht angereiste Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Petra Pau, welches durch Siegried Lehmann (Mitglied der LAG Buchenwald-Dora e.V.) verlesen wurde.

Im Anschluss an die Grußworte trug André Goldstein (Sohn des Spanienkämpfers, Auschwitz- und Buchenwaldüberlebenden Kurt Julius Goldstein, Häftlingsnummer 58866, Mitglied des Vorstands der LAG Buchenwald-Dora e.V. und des Internationalen Auschwitz Komitee) einen Kommentar von Christoph Heubner (Executiv Vizepräsindent des IAK) zum TV-Duell Voigt-Höcke vor.
TV-Duell zwischen Mario Voigt und Björn Höcke am heutigen Gedenktag der Befreiung von Buchenwald

Den thematischen Hauptvortrag zum Thema „Zwangsarbeit“ hielt Dr. Michael Löffelsender, Kurator der Gedenkstätte Buchenwald.

An den Hauptvortrag schloss sich die Präsentation eines Textes von Karl-Friedrich Limburg zu „Zwangsarbeit in Buchenwald – Widerstand und Sabotage“ an, der vom Autor gemeinsam mit Rebekka Goldstein und Jessica Simon Schlößer als Vertreterinnen der 3. und 4. Generation verlesen wurde.

Für die musikalische Begleitung sorgten traditionell das international bekannte und mehrfach preisgekrönte „Baumbach-Duo“( https://www.baumbach-duo.de/) sowie der Chor „Pir-Moll“ (https://www.pir-moll.de/).

Die Veranstaltung endete mit der Verlesung der „Erklärung“ durch André Goldstein und dem gemeinsamen Gesang des Buchenwald-Lieds.

Erklärung:
„Überlebende und wir, die Nachkommen von politischen Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald und anderer Konzentrations- und Vernichtungslager des deutschen NS-Regimes, Antifaschistinnen und Antifaschisten, Freundinnen und Freunde und Gäste, die sich heute hier versammelt haben zum 13. „Treffen der Nachkommen“ aus Anlass des 79. Jahrestages der Selbstbefreiung, nehmen dies zum Anlass, eindringlich zu erinnern an den Schwur von Buchenwald, den die befreiten Häftlinge am 19. April 1945 geleistet haben: „…Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig…“

Wenn wir uns in unserem Land, in Europa und der Welt umschauen, so sehen wir ein nie dagewesenes Erstarken ultrarechter und nationalistischer Bewegungen, kriegerische Auseinandersetzungen, Fremdenhass, Antisemitismus, Antiziganismus…. Die Welt stand seit dem Ende des 2. Weltkrieges nie so kurz vor einem 3. Weltkrieg!

Angesichts dessen erfüllt es uns mit großer Sorge, dass aus der Losung „Schwerter zu Pflugscharen, Frieden schaffen ohne Waffen“ eine Bewegung entstanden ist nach dem Motto „Frieden schaffen mit noch mehr Waffen“ – ein Festtag für die Rüstungslobby.
Das führt einzig zu weiterer sozialer Spaltung der Gesellschaft und maßlosen Profiten des militärisch-industriellen Komplexes. An dieser Stelle sei an Karl Marx erinnert: „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn… für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.“

Wir verurteilen jeden Krieg, sei es der feige Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, das Töten von Zivilisten im Gaza-Streifen, der Konflikt im Roten Meer oder der völkerrechtswidrige Angriff der Russischen Föderation auf die Ukraine. Wir vermissen den Weg der Diplomatie zur Beendigung dieses Konfliktes – die Bereitschaft hierzu ist auf beiden Seiten offensichtlich auch nach 2 Jahren noch immer nicht vorhanden.

Von hier rufen wir – wie schon in den Jahren 2022 und 2023 – alle politisch Verantwortlichen in der Welt, Demokratinnen und Demokraten und Bürger auf, ihre Stimme gegen jede Form von Ausgrenzung, Kriegstreiberei und Kriegshetze zu erheben.

Wir fordern – Verhandlungen jetzt, ohne Vorbedingungen, so schnell wie möglich!

Auch der US-Präsident John F. Kennedy wusste:
„Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“

Weimar am 14. April 2024

Pflanzung des Erinnerungsbaums für Éva Fahidi Pustai im Rahmen des 79. Jahrestag der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald

29. April 2024

Am Freitag 12. April trafen sich an der Andersenstrasse in Weimar zahlreiche Mitglieder des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD), der LAG Buchenwald-Dora e.V. und Unterstützer des Projektes 1000 Buchen. Unter ihnen befand sich auch der Lebensgefährte Andor Andrási von Éva Fahidi Pusztai.

Als Baumpate pflanzte das IKBD den Baum zur Erinnerung an Éva Fahidi Pusztai, vis á vis des Erinnerungsbaums für ihre Schwester und ihre Familie, den Éva Fahidi Pusztai persönlich im Jahr 2022 gepflanzt hat.

Justus Lencer, Aufsichtsratsvorsitzender des Lebenshilfe Werks Weimar Apolda, begrüßte die Baumpaten und Gäste.

Naftali Fürst, Präsident des IKBD und langjähriger Freund und Weggefährte von ihr, Peter Kleine, Oberbürgermeister der Stadt Weimar, und Prof. Dr. Jens-Christian Wagner würdigten noch einmal das Leben von Éva Fahidi Pusztai und ihren unermüdlichen Einsatz, als Zeitzeugin insbesondere jungen Menschen von den Verbrechen der Nazis zu berichten.

„Liebe Feunde von Eva,

Eva Fahidi Pusztai hat uns am 11. September 2023 in Budapest verlassen.
Wir alle hier kennen ihren schmerzhaften Lebensweg zunächst im Lager von Auschwitz-Birkenau, dann in einem der 27 Außenkommandos von Buchenwald. Wir alle bedauern ihre strahlende Kraft und Persönlichkeit.

Sechzig Jahre hat sie gebraucht, bevor sie anfing zu sprechen: “Ich habe mich befreit, sagte sie, an jenem Tag, wo ich erkannte, dass Hass meine Seele vergiftete”.

Die Fatalität ihres Schicksals hat sie in Büchern beschrieben; unermüdlich hat sie in Schulen, in Gedenkstätten, 2015 im Gerichthof gegen Oskar Gröning erzählt, und sogar auf Theaterbühnen, wo sie ihre Holocaustgeschichte in einer unsagbar schönen Choreographie bis zu ihrem 93. Lebensjahr getanzt hat.

Eine ihrer zahlreichen Botschaften war: „Man lebt nur einmal, aber wenn man stirbt, ist es für immer. Lasst uns den Hass ablehnen. Nur unter dieser Bedingung können wir dann den Grundstein für ein würdiges menschliches Leben und eine Welt des Friedens legen“.

Eva ist drei Wochen vor den Massakern vom 7. Oktober 2023 gestorben. Zumindest wurde ihr das erspart. Wir erinnern ihre Worte: „Ein ganzes Leben wird nicht ausreichen, um zu mahnen, dass sich die Verbrechen des Holocaust nie wiederholen dürfen“. Leider hatte sie recht.

Sei gedankt und geehrt, liebe Eva.

Mit diesem Baum bestätigt Dir das Internationale Komitee Buchenwald Dora seine unendliche Dankbarkeit. Wir werden Dich nie vergessen.“

Ihr Lebensgefährte Andor Andrási fand bewegende Worte und erinnerte an ihren Satz „einer muß aufhören zu hassen“, der immer ihre Maxime allen Handelns war.

„Seit Évas Tod werde ich so oft damit konfrontiert, wie nach ihrem Abschied alles auseinandergerissen wurde. Ihre authentischen Reden und besorgniserregenden Worte waren verschwunden, um einem Wiederaufleben einer Welle des Hasses entgegenzuwirken.
Trotz aller Vorzeichen und vernünftigen Überlegungen haben wir nie berücksichtigt, dass die Endlichkeit des Lebens auch für uns gilt.
Und jetzt sind wir hier, wo wir vor zwei Jahren an einer Baumpflanzung zum Gedenken an Gilike und an die ganze Familie von Éva teilgenommen haben. Damals hätten wir nicht gedacht, dass es so bald wieder zu Baumpflanzungen kommen würde. Versuchen wir, dies mit Optimismus zu betrachten, sehen wir es so, dass Éva nun wieder mit ihrer Familie vereint ist. Sie nimmt hier eine andere Existenzform an, in der Eva sozusagen wiedergeboren wurde und weiterlebt, in Form eines Apfelbaums. Mit seiner Existenz erinnert uns dieser Baum an Evas Botschaft, die sich durch ihn manifestiert und weiter warnt. Und es ist sehr passend, dass das in Evas Lieblingsstadt Weimar passiert. Ich habe das Gefühl, dass Évas Seele jetzt bei uns ist und sie ist zufrieden, dass Weimar sich so an sie erinnert.

Danke an diejenigen, die diese Baumpflanzung ermöglicht und umgesetzt haben.“

Die Stimme von Éva Fahidi Pusztai wird uns allen fehlen. Die Erfüllung Ihres Vermächtnisses „NIE WIEDER“ ist unsere Aufgabe.

Reinhold Loch

Inklusives Gedenkprojekt „1000 Buchen“ 88. Pflanzaktion im Rahmen der Gedenkfeierlichkeiten zum 79. Jahrestag zur Selbstbefreiung des KZ Buchenwald

29. April 2024

Im Rahmen der Gedenkfeierlichkeiten zum 79. Jahrestages der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald wurden wieder 4 Erinnerungsbäume im Projekt 1000 Buchen des Lebenshilfewerks Weimar/Apolda gepflanzt. Damit erhielten wieder Opfer der NS-Schreckensherrschaft ein Gesicht.

Am Samstag 13. April bei der 88. Pflanzaktion im Landschaftspark Nohra waren zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, u.a. auch aus Frankreich, Italien, Norwegen, Spanien, Tschechien, Ukraine anwesend, um der ehemaligen Häftlinge zu gedenken.

Justus Lencer, Aufsichtsratsvorsitzender des Lebenshilfe Werks Weimar Apolda, begrüßte die Baumpaten und Gäste.

Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, Ralf Kirsten, Bürgermeister der Stadt Weimar und Roland Bodechtel, Bürgermeister der Gemeinde Grammetal, wiesen in ihren Grußworten mit eindringlichen Worten auf die Rechtsentwicklung in Deutschland hin. Es war zu spüren, dass dies nicht nur ihnen, sondern allen Anwesenden große Sorgen bereitet.

Sabine Stein, ehemalige Archivleiterin der Gedenkstätte Buchenwald informierte über die historische Bedeutung des Pflanzortes im Landschaftspark Dora. Dort wurde das erste Konzentrationslager Deutschlands errichtet und vom Flugplatz Nohra wurden nach der Lagerbefreiung von Buchenwald ehemalige Häftlinge zurück in ihre Heimat geflogen.

“ Vielleicht taucht bei einigen von Ihnen die Frage auf, warum wir heute hier, an diesem Ort die vier Erinnerungsbäume für ehemalige Häftlinge des KZ Buchenwald pflanzen. Einem Ort, der scheinbar nichts mit der Geschichte des Lagers zu tun hat – außer der Blick auf den Ettersberg mit dem Glockenturm zwischen den Bäumen. Doch es gibt mindestens vier Berührungspunkte zwischen dem Pflanzort und Buchenwald.
Der erste, und den möchte ich etwas ausführlicher beleuchten, betrifft den Standort des Sammellagers Nohra auf dem Gelände des heutigen Landschaftsparks.

Während der Jahre des 1. Weltkrieges entstand der Militärflugplatz Nohra.  Er wurde aber nach kurzer Nutzung im Zuge der Entmilitarisierung wieder stillgelegt und teilweise abgerissen. In einem der Restgebäude mietete sich 1928 die sogenannte Heimatschule Mitteldeutschland ein. Das war ein republikfeindlicher Verein mit völkischen und militaristischen Zielen. Die Heimatschule wurde von einem ehemaligen Reichswehroffizier geleitet. In den Jahren der großen Wirtschaftskrise rekrutierten sie junge Unterstützungsempfänger für einen Freiwilligen Arbeitsdienst. Die Heimatschule wurde zum Arbeitsdienstlager mit rechtsextremer Ausrichtung. Über hundert junge Arbeitsdienstwillige wurden hier mit körperlicher Arbeit und wehrsportlichen Übungen erzogen. „Deutsch sein heißt treu sein“, stand in goldenen Lettern über dem Eingang. Das Foto von einer Feier im Herbst 1932 zeigt einen Teil der Kursanten bereits mit Hakenkreuzbinden, die unter einer Hakenkreuzfahne posieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte Thüringen bereits eine faschistische Regierung.

Mit der Machtübergabe an Hitler begann die brutale Unterdrückung der linken Gegner. Nach dem Reichstagsbrand entfesselten die Nationalsozialisten einen blutigen Terror gegen sie. Die Verordnung des Reichspräsidenten Hindenburg „zum Schutze von Volk und Staat“, die sogenannte „Reichstagsbrandverordnung“, setzte wesentliche Persönlichkeitsrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft und begründete einen nie beendeten Ausnahmezustand. Gegner konnten in Haft genommen werden, ohne Rechtsanspruch und Begründung. Aus Parteigliedern der NSDAP wie der SA oder der SS rekrutierte der faschistische Thüringer Staat Hilfspolizisten. Selbst die „Schüler“ der Heimatschule wurden zu Hilfspolizisten und Wachleuten, die unter dem Kommando der Weimarer Schutzpolizei standen. Sie bewachten das erste staatliche Konzentrationslager für sogenannte Schutzhäftlinge in Deutschland.

Noch am Tag der Reichstagsbrandverordnung wies das Thüringer Innenministerium alle Polizeistellen an, Kommunisten zu verhaften. Recht schnell fiel die Entscheidung, sie in den Räumen der Heimatschule Nohra zu inhaftieren. Bereits drei Tage später, am 3. März 1933, trafen die ersten Gefangenen in Nohra ein. Ihre Zahl stieg schnell auf 170 und nach einer Woche auf 220. Unter ihnen waren gewählte Stadt- und Gemeinderäte der KPD, Parteifunktionäre und sogar Landtagsabgeordnete, sechs der zehn kommunistischen Abgeordneten im Thüringer Landtag. Sie alle wurden in drei Räumen im Obergeschoss der Heimatschule mehr als beengt untergebracht. Willy Gebhardt/Jena, Leander Kröber/Meuselwitz, Richard Zimmermann/Jena, Arno Voigt /Großbreitenbach und Richard Eyermann/Bad Salzungen waren wenige Jahre später politische Häftlinge im KZ Buchenwald erneut inhaftiert.

Am 5. März 1933 sollte die Reichstagswahl stattfinden, der Terror gegen Kommunisten diente der direkten Einschüchterung vor dem Wahlgang. Doch die Inhaftierten, noch nicht ganz ohne Rechte wie in späteren Konzentrationslagern, erzwangen ihre Wahlbeteiligung. So war das Dorf Nohra, der Ort der Stimmabgabe für das Lager, wohl der einzige Ort in Thüringen, wo am 5. März 1933 die KPD zur stärksten Partei wurde und die überwiegend nationalsozialistisch wählenden Heimatschüler und Dorfbewohner abhängte.

Fritz Sauckel, Gauleiter der NSDAP in Thüringen, inspizierte am Wahltag das sogenannte Sammellager Nohra, die Presse berichtete davon. Bis Ende März 1933 ging die Zahl der Insassen auf ein Viertel (60) zurück, Ende Juli 1933 wurde das Konzentrationslager Nohra aufgelöst.

Im historischen Rückblick – mit dem Wissen von Buchenwald und Auschwitz – erscheint es nurmehr als Episode einer langen Verbrechensgeschichte. Doch das Lager existierte zu einem Zeitpunkt, als diese Entwicklung noch nicht abzusehen und auch nicht unumkehrbar war. Zu wenige verteidigten die Verfassung und die Republik. Deshalb heißt es auch immer wieder: Wehret den Anfängen.

Nach der Befreiung des KZ Buchenwald nutzte die 9. Airforce der US Armee den Feldflugplatz Nohra bis zum Juli 1945.

Ausländische Delegationen, Pressevertreter und Militärs landeten mit ihren Maschinen, um das bereite Lager zu besichtigen. Aber auch ehemalige Häftlinge wurden über den Flugplatz in ihre Heimatländer zurückgeflogen. Am 27. April 1945 verließ der letzte Transport der französischen Kameraden das Lager, wie in einer Ausgabe der „Buchenwalder Nachrichten“, der Zeitung der befreiten Häftlinge berichtet wurde. Oberst Manheś, der Vorsitzende des französischen Komitees und Marcel Paul bestiegen hier das Flugzeug, welches sie nach Paris zurückbrachte. Über die Repatriierung belgischer Staatsangehöriger und die Überführung kranker befreiter Häftlinge durch das 120th Evacuation Hospital im April 1945 existiert in der Sammlung der Gedenkstätte eine Fotoserie.

Lassen Sie mich zum Schluss über ein mich sehr bewegendes Erlebnis sprechen. Nach Abzug der Amerikaner aus Thüringen nutzte die Rote Armee viele Jahre den Flugplatz als Hubschrauberbasis. Nach der politischen Wende verließen im Sommer 1992 die letzten 16 Kampfhubschrauber die Militärbasis. Am 12. August 1992, am späten Mittwochnachmittag, wir waren gerade auf dem Nachhauseweg zur Bushaltestelle, kreisten diese 16 Hubschrauber über dem Appellplatz. Einer von ihnen stand in der Luft und warf genau über dem Gelände des ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenenlagers einen Rosenstrauß ab. Danach zogen sie noch eine Schleife und flogen davon. Am Rosenstrauß war ein handgeschriebener Zettel befestigt. Seine Übersetzung lautet: „Ewiges Gedenken den Häftlingen von Buchenwald. Heute, am 12. August 1992, geben wir Euch – nach Russland fliegend – einen letzten Gruß und wir verneigen uns ein letztes Mal vor Euch. Die Piloten des Selbständigen Hubschrauberregiments „Unter Nohra“. Der Regimentskommandant Oberst N. Safronov“ Nikolaj Gennad’evič Safronov war zwischen 1990 und 1992 der Regimentskommandeur.

Sie sehen, den Pflanzort hier im Landschaftspark und Buchenwald verbindet einiges.“

Eindrucksvoll berichtete Gisela Döring, Landesvorsitzende der VVN-BdA Sachsen-Anhalt über das Leben von Robert Siewert und seine Einsatz zur Rettung der Kinder im KZ Buchenwald.

„Bäume wurden geschändet.
Ein Baum wird heute und hier zum Gedenken an Robert Siewert (1887-1973) gepflanzt. Der Politiker, Widerstandskämpfer und Gründungsmitglied der VVN war nach illegaler Tätigkeit gegen den faschistischen Terror acht Jahre Häftling im KZ Buchenwald.
Dr. Eugen Kogon, Mithäftling, bürgerlicher Demokrat, rühmte ihn  in seinem, schon 1947 erschienenem Buch „Der SS-Staat“, als „ein Beispiel der Sauberkeit, Menschlichkeit und persönlichen Mutes“.

Der von Idealen erfüllte Kommunist, Robert Siewert, rettete als Kapo Hunderten von überwiegend polnischen und jüdischen Kindern und Jugendlichen das Leben durch Arbeit und Ausbildung in dem von ihm geleiteten Baukommando I.
Zum gefährlichen politischen Häftling gestempelt, überlebte er seine von der SS geplante Hinrichtung im April 1945 in einem von seinen Mithäftlingen gesicherten Versteck.
Am 18. Mai 1945 traf er mit einer Gruppe ehemaliger Buchenwaldhäftlinge in Halle an der Saale ein.
Ohne sich zu schonen stellte er sich mit Sachkenntnis und Humanismus dem Wiederaufbau des materiell und geistig am Boden liegenden Landes zur Verfügung. Gegründet auf seine politische Integrität und sein charismatisches Auftreten gelang es ihm, besonders bei der Jugend, Mut und Zuversicht zu verbreiten, die Menschen aufzurichten und Nachsicht gegenüber sogenannten Mitläufern zu üben.
In hoher Regierungsverantwortung als 1. Vizepräsident der neu gebildeten Provinz Sachsen stehend hatte er, gemeinsam mit dem Präsidenten, Prof. Hübner, bürgerlicher Demokrat, hohen Anteil an der konsequenten Entnazifizierung, aber auch daran, junge Menschen als Neulehrer:innen und Volksrichter:innen zu gewinnen.

Später als Innenminister des Landes Sachsen-Anhalt unterstützte er, im Zuge der Bodenreform, Hunderte von umgesiedelten Bauern beim Aufbau von Neubauernwirtschaften.
Im Gefolge von stalinistischen Repressionen , gegründet auf den Vorwurf der Zugehörigkeit zur kommunistischen Opposition in der Weimarer Republik, wurde Robert Siewert seiner Regierungsämter enthoben.
Langjährig war er danach in verantwortlichen Funktionen im Bauministerium der DDR tätig.

Als Mitglied des Präsidiums des Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer:innen setzte er sich voll Engagement für den Aufbau von würdigen Gedenkstätten, besonders der ehemaligen KZ Sachsenhausen, Ravensbrück und Buchenwald ein.
Hochgeachtet von seinen ehemaligen Kameraden aus dem KZ Buchenwald arbeitete er ehrenamtlich als Präsidiumsmitglied der International Federation of Resistants Fighters (FIR).
Als Zeitzeuge, seinen sozialistischen Idealen treu geblieben, vermittelte er jungen Menschen lebendiges Wissen über das Wesen des deutschen Faschismus, machte ihnen Mut, sich dagegen zu wappnen und legte ihnen nahe, im Sinne der in den KZ und Zuchthäusern Ermordeten stets für Humanismus und Völkerverständigung einzutreten.“

Katinka Poensgen, Baumpatin des Erinnerungsbaumes für Karel Vrkoslav, schilderte die Freundschaft zwischen Karel Vrkoslav und ihrem Großvater Karl Vögtel, die in der gemeinsamen Lagerhaft gewachsen war.

„Karel Vrkoslav ist am 2. Mai 1902 geboren. Er lebte mit seiner Frau Anna in Jilemnice, im heutigen Tschechien. Dort war der gelernte Schmied in einer antifaschistischen bewaffneten Organisation aktiv.
Im Juni 1940 wurde Karel von den Nazis verhaftet und nach Dachau verschleppt. Von dort deportierten sie ihn im Dezember 1940 nach Buchenwald. Er bekam die Häftlingsnummer 1585 und wurde im Block 45 untergebracht, schräg hinter dem Block 39, in dem mein Großvater, Karl Vögtel, inhaftiert war.
Nach verschiedensten Arbeitskommandos wurde Karel ab dem 30. April 1942 in den Deutschen Ausrüstungswerken (DAW), einem Rüstungsbetrieb der SS, direkt angrenzend ans Häftlingsgelände, zur Zwangsarbeit verpflichtet. Mein Großvater, ein deutscher Kommunist, war dort bereits seit einigen Wochen als Schlossermeister im Einsatz. Spätestens hier haben die beiden, Karel und Karl, sich kennengelernt und angefreundet.
Nach der Befreiung kehrte Karel zu seine Frau Anna nach Jilemnice zurück und mein Großvater zu seiner Frau Luise nach Mettmann.
Bei meiner Recherche zum Leben meiner Großeltern habe ich Fotos und Briefe gefunden. In einem Brief, datiert auf den 28. April 1970 schreibt Karel: „Wir hatten am 11. und 12. April 70 Feierversammlung der Widerstandskämpfer in Prag aus verschiedenen KZ gehalten, auch von Buchenwald sind sehr viele von uns dabei…Viele Kameraden, die dich Karl, in Buchenwald gekannt haben und bei dir arbeiteten, sehr gerne an dich denken und dich herzlich grüßen.“
Je intensiver ich mich mit dieser Freundschaft beschäftigt habe – den Fotos aus dieser Zeit und den gegenseitigen Briefen, in denen auch etliches von Besuchen meiner Großeltern bei Karel und Anna in Jilemnice zu finden ist, umso tiefer war ich berührt. Hält sich doch in manchen Köpfen immer noch die Legende, die deutschen Kommunisten in Buchenwald wären nur auf ihren persönlichen Vorteil aus gewesen.
Letztes Jahr, bei der Baumpflanzung für meinen Großvater, kam mir die Idee, dass Karel unbedingt auch einen Baum braucht. Ob Anna und Karel Kinder hatten wusste ich nicht.
Ich habe Kontakt nach Jilemnice aufgenommen und per Zufall Václava Benesová per Mail kennengelernt. Sie hat den Bürgermeister von Jilemnice, David Hlavác, und das tschechische Fernsehen über die heutige Baumpflanzung für Karel informiert.
Václava hat sich auf Spurensuche begeben: So weiß ich jetzt, dass Anna und Karel einmal ein kleines Mädchen hatten, das direkt nach der Geburt gestorben ist. Weitere Kinder hatten sie nicht. Es gab einen Neffen, der leider auch nicht mehr lebt. Václava hat alte Menschen getroffen, die noch wussten, dass Karel bei der freiwilligen Feuerwehr aktiv war und dass er Jäger war. Dass er gerne auf die Jagd ging, wusste ich bereits von den Briefen und Fotos. Einmal schrieb er meinen Großeltern: “Wildbrett haben wir da immer genug und manchmal ist schade schießen, besser anschauen“.
Auf dem Friedhof von Jilemnice gibt es kein Grab mehr. Wie lange Anna gelebt hat, weiß ich bis heute nicht. Karel ist am 17. September 1976 gestorben.
Vier Jahre vorher schrieb er zum Tod meines Großvaters an meine Oma: „Es tut dir freilich Schmerz und Weh, gerade wie auch uns hier, denn wir liebten Karl sehr wie einen sehr guten Freund schon in schlimmen Zeiten, wo man am besten Menschen kennen lernt, und werden drum ihn stets ehren. Wir waren ihm für seine Güte viel schuld, vor allem fühlte er die unmenschliche Ungerechtigkeit gegen ihn selbst, aber auch gegen uns, die einer anderen Nation gehörten. Ehre und ewigen Frieden seiner Seele! Wir müssen alle hin, aber nicht mit schwerer Sünde und Schande.“

Margret Rest und ihre Tochter Annette Magdeburg machten uns mit dem bewegtenLeben ihres Vaters/Großvaters Willi Rattai Buchenwaldhäftling-Nr.4 vertraut.

Annette Magdeburg: “ Mit  19 Jahren habe ich mein Abitur gemacht und startete in eine Ausbildung. Meine Zukunft war aufregend und hoffnungsvoll.
Mein Opa Willi Rattai, Bergarbeitersohn aus Essen, war ebenfalls 19 Jahre, als die Nazis die Macht übertragen bekamen. Da er schon vor 1933 aktiv im kommunistischen Jugendverband in seinem Stadtteil den aufkommenden Faschismus bekämpft hatte, musste er sofort in die Illegalität gehen.
Aber schon im August wurde er verhaftet und im Essener Polizeipräsidium 3 Wochen fürchterlich gefoltert. Dann kam er, ohne jegliches Gerichtsurteil, 1 Jahr in Gefängniseinzelhaft. Erst dann verurteilte ihn das Oberlandesgericht Hamm wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 2 ¼ Jahren Haft. Die Strafe saß er mit vielen anderen jungen Genossen aus dem Ruhrgebiet im Gefängnis in Bochum ab.
Als ihn seine Mutter nach Strafende abholen wollte, bekam sie ihn nicht zu Gesicht.
Er wurde am Heiligen Abend 1935 in eines der berüchtigten Moorlager nach Esterwegen bei Papenburg gebracht. Die schwere Arbeit setzt ihm dort sehr zu. Alte Freunde aus der Heimat, die schon länger inhaftiert waren, halfen ihm jedoch immer wieder auf.
Im Juli 1936 erfolgte die Überführung in das KZ Sachsenhausen, wo er anfangs im Klinkerwerk Schwerstarbeit leisten musste, später kam er in die Effektenkammer.
Nach genau einem Jahr, am 15. Juli 1937 gehörte er zu den ersten Häftlingen, die hier nach Buchenwald kamen. Seine Häftlingsnummer war die 16. Die ersten Häftlinge mussten zuerst den Zaun ziehen, der sie selber einsperrte. In der Baracke 13 wurde er bis zum 21. Dezember 1937 inhaftiert.
Dann erfolgte aber plötzlich die Entlassung nach Hause, wo er sich jedoch jeden 2. Tag bei der Gestapo melden musste.
Als am 1. September 1939 Deutschland den Krieg begann, wurde er an seinem Arbeitsplatz verhaftet. Im Gestapokeller in Essen sah er viele seiner Genossen, die dann in der Folge in den Folterkammern der Nazis umkamen. Bis Weihnachten dann noch einmal Haft im KZ Sachsenhausen
Da die faschistische Wehrmacht Soldaten brauchte, wurde er erneut gemustert. Beim ersten Mal war er als wehrunwürdig eingestuft worden, jetzt aber musste er in den Krieg ziehen.
Als Deutschland 1945 befreit wurde, hatten die Faschisten meinem Opa fast die ganze Jugend gestohlen.“

Margret Rest: “ Nach dem Krieg setzte sich mein Vater, Willi Rattai sofort gegen die alten und neuen Nazis ein. Er wurde Gründungsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in NRW und war lange ihr Vorsitzender in Essen. Bis zu seinem Tod 1997 handelte er nach der Maxime: Die Verpflichtung, den Faschismus  mit seinen Wurzeln auszurotten, steht nach wie vor!
Mein Vater und seine Kameraden sind nicht mehr unter uns, so dass wir, ihre Kinder , Enkelkinder und andere Nachkommen ihre Arbeit übernehmen müssen. Heute, mehr denn je!“

Falk Bindheim, Gewerkschaftssekretär IG Metall Jena-Saalfeld gab den Gästen einen Einblick in die Zwangsarbeit bei Carl Zeiss.

„Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
Zuallererst möchte ich mich für die Einladung und die Möglichkeit hier sprechen zu können bedanken.

Mein Name ist Falk Bindheim, ich arbeite als Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall in der Region Saalfeld-Jena-Gera und bin unter anderem für die ZEISS Betriebe in Jena zuständig.

Reinhold hat mich eingeladen zum Thema Zwangsarbeit bei ZEISS etwas zu sagen und mir und den gewerkschaftlichen Vertrauensleuten, Aktiven und Betriebsräten bei ZEISS damit die unschätzbare wertvolle Aufgabe mit auf den Weg gegeben erneut zu Gedenken und zu Erinnern. Für diesen Stein, den du lieber Reinhold und alle die an diesem großartigen Projekt beteiligt sind, angestoßen hast, möchte ich mich ein zweites Mal bedanken.

ZEISS hat sich in seiner Geschichte als Unternehmen seit der Gründung der ZEISS Stiftung im Jahr 1889 eine besondere soziale Verantwortung in die Unternehmensphilosophie geschrieben. ZEISS als Stiftungsunternehmen hatte eine für damalige Verhältnisse sehr liberale Einstellpolitik und über das Statut auch eine gewisse Absicherung für die Autonomie des Unternehmens gegenüber staatlichen und privaten Einflüssen.
Anfängliche Angriffe auf das Statut konnten noch abgewehrt werden – natürlich wurde versucht ZEISS in eine NS- konforme staatlich gelenkte Organisation umzuwandeln. Nach dem die Geschäftsleitung sich ihren Status behaupten konnte und viel stärker noch Verlauf des Krieges hat, war man aber um ein gutes Verhältnis mit den Machthabern bemüht.
Die Geschäftsleitung passte sich an und trug auch weitreichende Änderungen im Stiftungsstatut mit. Der massive Einsatz von Zwangsarbeit in den Unternehmen der ZEISS Stiftung hat gegen die eigenen Prinzipien des Unternehmens verstoßen.

So gesehen hat ZEISS im Dritten Reich die Stiftungsverfassung gegen Angriffe von außen verteidigt, einen Teil der Grundsätze aber auch abgelegt und hat sich vor allem auf wirtschaftliche Interessen beschränkt.
Bei ZEISS ließ sich die Produktion während des Krieges nur mit dem Einsatz von Zwangsarbeitern steigern, ein großer Teil der Stammbelegschaft war zur Wehrmacht eingezogen.
Kriegsgefangene und sogenannte Zivilarbeiter – verschleppt oder angeworben – waren im Grunde die einzigen verfügbaren zusätzlichen Arbeitskräfte. Zusätzlich machten die Produktionsprozesse bei ZEISS einen hohen Anteil an Facharbeiten notwendig und auch die Neuerrichtung von Ausweichstätten in den besetzten Gebieten spielte bei ZEISS keine Rolle.

Wie in der gesamten deutschen Wirtschaft begann der systematische Zwangsarbeitereinsatz mit der Besetzung Frankreichs, Belgiens und der Niederlande im Sommer 1940.
Waren es am Anfang noch Kriegsgefangene in den Stiftungsbetrieben wurden es nach und nach immer mehr Zivilarbeiter aus den besetzten Ländern.
Ab 1942 dann auch immer mehr Zwangsarbeiter aus den besetzten Ostgebieten – sogenannte Ostarbeiter.

Im September 1942 klagte die ZEISS Geschäftsführung an den Generalbevollmächtigten des NS-Regimes in Thüringen der für die Arbeitseinsätze zuständig war: „Mit Ostarbeitern lässt sich auf Dauer kein hochwertiges Messgerät herstellen.“

Skrupel die Zwangsarbeiter einzusetzen, obwohl es gegen das Völkerrecht verstößt und auch die Haager Landkriegsordnung den Einsatz von kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit verbietet, hatte man in der ZEISS GF allerdings nicht.
Zusätzlich hatte man bei ZEISS durch die eigene Betriebsordnung auch eine kollektive Regelung die Zwangsarbeiter von der Stammbelegschaft ausgrenzte. Das galt auch für Deutsche, die während des Krieges eingestellt worden waren. Auch diese waren von den Bestimmungen des Statuts ausgeschlossen – befristete Beschäftigte sah das Statut nicht vor.
Bei ZEISS rechtfertigte man den Ausschluss nach dem Krieg damit, dass auch der Stifter Ernst Abbe, wenn er das Wesen des total geführten und absoluten Krieges je kennengelernt hätte, befristet für den Krieg Beschäftigte von den Bestimmungen des Statuts ausgeschlossen hätte.

Der Einsatz von Zwangsarbeitern war durch behördliche Vorgaben reglementiert. Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden wurden besser bezahlt und waren weniger Zwängen ausgesetzt als Ostarbeiter, die in der Regel ihr Lager nicht verlassen durften und willkürlicher Gewalt ausgesetzt waren. Völlig entrechtet waren die KZ-Häftlinge die zur Rüstungsproduktion eingesetzt wurden.
ZEISS hatte keinen Einfluss auf die Grundmuster der Zwangsarbeit aber durch die Zuteilung von Essenrationen, der Organisation von Arbeit und der Ausgestaltung der Lager durchaus Spielraum.
Inwieweit ZEISS konkret die Zuweisung von Zwangsarbeitern verfolgt hat, lässt sich heute nicht mehr generell beantworten. Allerdings wusste ab 1942 jedes Unternehmen das, wenn es weitere Arbeitskräfte beantragt, nur noch Zwangsarbeiter zugewiesen werden konnten.
Bei den Zwangsarbeitern, die während der ersten Kriegsjahre bei ZEISS eingesetzt wurden, handelte es sich überwiegend um Menschen aus Belgien.
Insgesamt hat ZEISS während des Krieges rund 2300 Belgier als Zwangsarbeiter eingesetzt, die meisten davon Zivilarbeiter. Der Anteil der Kriegsgefangenen Zwangsarbeiter war bei ZEISS niedriger als in der gesamten deutschen Wirtschaft und auch der Einsatz von sogenannten Ostarbeitern war prozentual geringer. Insgesamt gab es einen hohen Anteil an Facharbeitern und angelernten Kräften die über Zwangsarbeit bei ZEISS ausgebeutet wurden.

Nach den Abschriften im Jenaer Stadtarchiv gab es bei ZEISS in Jena von 1940 bis 1945 insgesamt 8081 Zwangsarbeiter. Im Jenaer Glaswerk Schott waren es 3500. Zu Höchstzeiten des Zwangsarbeitereinsatzes, im Oktober 1944 entsprach der Anteil der Zwangsarbeiter an der Gesamtbelegschaft bei dem Glashersteller Schott 44%. Bei ZEISS lag der Anteil der bei 29%.
Die Behandlung der Zwangsarbeiter lag nicht allein an der Auslebung der behördlichen Anordnungen, sondern häufig auch an dem praktischen Verhalten von Betriebsleitern, Werkmeistern und Lageraufsehern. Vorstand und Geschäftsleitung hatten in der Regel sehr wenig mit dem konkreten Arbeitseinsatz von Zwangsarbeitern befasst.
Allerdings hat das Heinz Küppenbender – Teil der Geschäftsführung bei ZEISS seit 1941, nicht davon abgehalten vor wörtlich „falschen Sentimentalitäten“ im Umgang mit Zwangsarbeitern zu warnen. 
Weiterhin hat er als Teil der ZEISS GF die Verschleppung und den Einsatz von Zivilarbeitern in Deutschland ausdrücklich befürwortet, weil so: „ein höherer Wirkungsgrad“ bei ZEISS erzielt werden könne.

Allerdings wurden bei ZEISS wie bei SCHOTT Übergriffe und Gewalttaten gegenüber Zwangsarbeitern geahndet – keine Selbstverständlichkeit im Gegenteil, aber eben auch eine Seltenheit und prinzipiell war es allen Betrieben möglich. 
Der Betriebspolizist Ernst Fasold, wurde im März 1944 von einem Sondergericht in Weimar zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er als Aufseher für das Ostarbeiterlager bei ZEISS russische Zwangsarbeiter mit einem Gummiknüppel geschlagen hat und ihm die Unterschlagung von Lebensmitteln nachgewiesen wurde.
Bei SCHOTT hatte der Geschäftsführer Erich Schott jedem mit fristloser Entlassung gedroht, der Zwangsarbeiter schlägt – mindestens in einem Fall wurde ein sogenannter Ausländerbetreuer entlassen, weil er russische Zwangsarbeiter geschlagen hatte.

KZ-Häftlinge wurden in den Jenaer Stiftungsbetrieben nicht eingesetzt. Nachweislich aber bei vier Tochtergesellschaften.
Der massivste Einsatz KZ-Häftlingen zur Zwangsarbeit für ZEISS erfolgte bei ZEISS IKON in Dresden.
Im Goehle Werk und im Reick Werk mussten über 900 Frauen aus dem KZ Ravensbrück Zwangsarbeit leisten. Hauptsächlich für Zündvorrichtungen für die Rüstungsproduktion. Besonders schlimm entwickelte sich die Situation im Goehle Werk – hier gab es keine Stammbelegschaft, sondern ausschließlich den Einsatzes von Zwangsarbeitern.
Misshandlungen und die katastrophale Versorgungslage führten unzähligen Toten. Auch mehrere Fluchtversuche von Zwangsarbeitern und ein Hungerstreik der Frauen aus dem KZ Ravensbrück – legen Zeugnis ab über den unmenschlichen Zustand bei ZEISS IKON im Umgang mit Zwangsarbeit.

Das waren die zugegeben stark verkürzten Schlaglichter auf die Geschichte von ZEISS im Dritten Reich und den Einsatz von Zwangsarbeit im ZEISS Konzern – dich ich euch und Ihnen heute nahelegen wollte.
Dabei sind auch diese Schlaglichter nur Teile der gesamten Geschichte von Gewerkschaften, Belegschaften und Unternehmen im Nationalsozialismus.
Die Frage nach der Bedeutung für unser Handeln im Hier und Heute für uns als Gewerkschaft ist dabei, und deshalb empfinde ich es auch als ein so großes Privileg heute hier sprechen zu können, eine ständige Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als politischer Mensch und dem Wollen & Handeln unserer Mitglieder als Gemeinschaft.
Diese Auseinandersetzung in die Zukunft zu übertragen – eine Zukunft und so formuliert es die Satzung der IG Metall einer weiteren Demokratisierung und Teilhabe Aller Menschen an Wirtschaft und Gesellschaft, und zwar unter Fernhalten von neofaschistischen, militaristischen und reaktionären Elementen ist sowohl Aufgabe als auch Ziel der IG Metall.

Wir haben heute hier durch euch und durch Sie meine sehr geehrten Damen und Herren die Möglichkeit bekommen diese Auseinandersetzung auch gemeinsam fortzuführen können.
Dafür am Schluss von mir noch ein herzliches Dankeschön.“

Reinhold Loch, zusammen mit seinen Brüdern Ulrich und Florian Baumpate für den Baum zur Erinnerung an alle Menschen, die während der Naziherrschaft Zwangsarbeit leisten musste, erinnerte daran, dass Zwangsarbeit vor aller Augen stattfand und an die Verstrickung der deutschen Wirtschaft in die unmenschliche Zwangsarbeit.

„Mein Name ist Reinhold Loch, ich bin Sohn des ehemaligen Buchenwaldhäftlings Erich Loch Häftlingsnummer 1393, bin Mitglied in der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e.V, koordiniere in ihrem Auftrag seit 2015 die Baumpflanzungen zu den Jahrestagen der Lagerbefreiung zwischen den Baumpaten und dem Lebenshilfe-Werk. Zusammen mit meinen Brüdern Ulrich und Florian pflanze ich den Erinnerungsbaum für alle Menschen, die Zwangsarbeit zur Aufrechterhaltung des deutschen Angriffskrieges leisten mussten.

Zwei Aspekte sind uns als Baumpaten besonders wichtig:

1. Zwangsarbeit gehörte zum Alltag der deutschen Bevölkerung und fand vor aller Augen statt.

2. Wem nutzte diese unmenschliche Zwangsarbeit? Auf der Erinnerungstafel sind stellvertretend für alle Profiteure drei Firmen genannt, nämlich Krupp, Siemens und BMW.

Wenn wir die aktuellen Kriege und Konflikte betrachten, müssen wir leider feststellen, dass viele der Firmen, die bereits unter der Naziherrschaft zu den Profiteuren gehörten, heute wieder an den Kriegen und Konflikten in aller Welt außerordentlich verdienen.

Herzlichen Dank an das Lebenshilfe-Werk Weimar/Apolda mit Frau Heller und Frau Jung, dass sie mit ihrem Projektteam 1000 Buchen für Buchenwald diese beeindruckende Pflanzzeremonie ermöglichen. Herzlichen Dank an alle Sprecherinnen und Sprecher, an alle Gäste  und ich hoffe darauf, viele von ihnen im nächsten Jahr zum 80. Jahrestages der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald wieder zu sehen.

Bleiben sie gesund und optimistisch. Im Ruhrpott sagt man am Ende „Glück auf““

Roswitha Loch zur Zwangsarbeit

„Da die Deutschen als Soldaten der Wehrmacht auf den Schlachtfeldern eingesetzt waren, setzte das NS-System zur Aufrechterhaltung und Ausweitung der Kriegswirtschaft zunehmend auf Zwangsarbeit. Nach Kriegsbeginn gab es ca. 8,4 Millionen zivile Zwangsarbeiter:innen aus Europa, ca. 4,6 Millionen Kriegsgefangene, sowie ca. 1,1 Millionen KZ-Häftlinge, die in einem unmenschlichen Unterdrückungs- und Ausbeutungssystem für das Deutsche Reich in der Großindustrie, in mittelständischen Betrieben, im Bergbau, in der Bauindustrie, in der Landwirtschaft, in staatlichen Institutionen und Betrieben sowie auch in Privathaushalten arbeiten mussten. Die Zahl der Zwangsarbeiter:innen in den besetzten Gebieten wird auf 13 Millionen geschätzt.

Diese europäische Dimension der Zwangsarbeit war geprägt von einem Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlichen Ausbeutungsinteressen und rassenideologischen Vorgaben. Innerhalb der Opfergruppe der Zwangsarbeiter:innen (z.B. sogenannte Asoziale, Sinti und Roma, Ostarbeiter, Arbeiter aus Westeuropa, sowjetische und andere Kriegsgefangene, Juden, Frauen, KZ-Häftlinge) gab es eine Hierarchie, die sich auf die brutalen und leidvollen Lebens- und Arbeitsbedingungen und somit auf die Überlebenschancen auswirkte. Am Ende der Hierarchie standen die KZ-Häftlinge.

Der Alltag der Zwangsarbeiter:innen war von steigender Arbeitszeit (bei KZ Häftlingen 11-12- Stunden) bei Hungerrationen, mangelhafter Kleidung und Ausrüstung, Kälte, Gewalt und Furcht von Bestrafungen geprägt. Die Überlebenschancen hingen auch von Entscheidungen der Polizei, Justizbehörden und der SS ab. Sondergerichte beschlossen Todesurteile bei kleinsten Vergehen. Es gab Arbeitserziehungslager mit KZ-ähnlichen Bedingungen und die sogenannte Sonderbehandlung, d.h. Hinrichtung ohne Verfahren.
Zahlreiche nationale, regionale und kommunale Dienststellen, sowie NS-Organisationen (Rüstungsministerium, Arbeitsämter, Reichssicherheitshauptamt, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel) waren für die Organisation der Zwangsarbeit zuständig, um die steigenden Bedürfnisse der Rüstungsindustrie zu erfüllen.

Im Verlauf  des Krieges wurden zahlreiche KZ-Häftlinge außerhalb der Konzentrationslager in der Rüstungsproduktion eingesetzt. Dafür entstanden zahlreiche KZ-Außenlager in der Nähe der Arbeitsorte, so auch in unserer Heimatstadt Essen. In Buchenwald waren ab Juli 1942 Häftlinge im Gustloffwerk II eingesetzt und ab August 1943 in Dora zum Bau der sogenannten Wunderwaffe V2 in unterirdischen Stollen. Auf Grund der entsetzlichen Lebensbedingungen in Dora überlebten bis Ende März 1944 ca. 6.000 der etwa 17.000 bis dahin nach Dora deportierten Häftlinge nicht.
Zwangsarbeit gehörte zum Alltag der deutschen Bevölkerung, war allgegenwärtig und fand vor aller Augen statt. Es gab Täter, Helfer, Profiteure und Zuschauer.

Die Zwangsarbeiter:innen waren lange Zeit eine vergessene Opfergruppe. Der einzige zentrale Erinnerungsort in Deutschland und Europa ist das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide auf dem Gelände eines ehemaligen Zwangsarbeiterlagers mitten im Wohngebiet.

Beschämend ist der lange Weg bis zu einer Entschädigungsregelung und das lange fehlende Unrechtsbewusstsein. Zwar waren die Strafen für die Organisatoren im Nürnbergprozess hoch (Todesstrafe für Fritz Sauckel), jedoch fielen sie in den sogenannten Nachfolgeprozessen für Nutznießer wie Industrielle, Manager, Banker milder aus. In den westdeutschen Nachfolgeprozessen wurde Zwangsarbeit als unvermeidbare Begleiterscheinung des Krieges bewertet, die Verantwortlichen seien vom NS-Staat gezwungen worden, Zwangsarbeiter:innen einzusetzen.

Im Sommer 2000, erst 55 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus, gründeten der deutsche Staat und 6.500 Unternehmen, bei weitem nicht alle Profiteure, die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ mit einem Entschädigungsfond, in den freiwillig 5 Milliarden DM eingezahlt wurden.

Der hier gepflanzte Baum steht für die Erinnerung an die Opfergruppe der Zwangsarbeiter:innen als gesellschaftliche Aufgabe.“

Rica Gottwald sang zum Abschluss die Mauthausenkantate mit dem Text von Iakovos Kamanellis und der Musik von Mikis Theodorakis. Mit großem Beifall für dieses Lied endete eine beeindruckende Pflanzzeremonie.                                                  

“ Die ich liebe, ist schön, unsagbar schön, ich seh sie vor mir in ihrem Sommerkleid mit einem Kamm im schwarzen Haar. Man hat sie fortgebracht, und keiner sieht, wie schön sie ist. Man hat sie fortgebracht, und keiner weiß wohin, wohin.
Ihr Mädchen von Auschwitz, ihr Mädchen von Dachau.
Ich frage, wer sie getroffen hat, ich frage, wer sie gesprochen hat, ich frage euch, wer sie sah, wer sie sah.
Wir trafen sie auf einer langen Reise. Ihr Kleidchen hatte sie verloren, lang schon zerbrochen war ihr Kamm.

Die ich liebe ist schön, unsagbar schön, wenn sie die Mutter sanft gestreichelt hat, wenn sie der Bruder zärtlich küsst. Man hat sie fortgebracht und keiner sieht, wie schön sie ist.
Man hat sie fortgebracht und keiner weiß wohin, wohin.
Ihr Mädchen von Mauthausen und ihr von Bergen-Belsen. Ich frage, wer sie getroffen hat, ich frage, wer sie gesprochen hat, ich frage euch, wer sie sah, wer sie sah.
Wir trafen sie auf kahlem Platz im Eiswind, ihr Arm trügende schwarze Nummer, ihr Herz schlug noch unterm gelben Stern“

Reinhold Loch

Botschaft der Nachkommen von Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern

12. April 2024

Unsere Eltern und Großeltern traten meist schon vor 1933 dafür ein, Faschismus und Krieg zu verhindern.
Sie kamen meist aus dem Arbeiterwiderstand – Gewerkschaft er, Sozialdemokraten, Kommunisten – und gehörten zu den ersten, deren Organisationen zerschlagen und deren Mitglieder in Konzentrationslager
verschleppt, ins Exil getrieben oder ermordet wurden, unter ihnen auch jüdisch Verfolgte. Zu ihren bittersten Erkenntnissen gehörte, dass die Faschisten 1933 nicht an die Macht kamen, weil sie stärker waren als ihre Gegner, sondern weil ihre Gegner sich nicht rechtzeitig zusammenfanden. Heute sollte
jeder wissen, was „Faschismus an der Macht“ bedeutet! Heute gibt es keine Entschuldigung mehr, wenn wir den faschistischen Kräften nicht gemeinsam entschlossen entgegentreten. Viele der überlebenden Antifaschisten traten für ein demokratisches Deutschland, gegen ein Wiederaufl eben des faschistischen Ungeistes ein. Sie stellten sich gemeinsam mit jüngeren Antifaschisten gegen gewalttätige Nazis und den rassistischen Mob, der Anfang der 1990er Jahre Überfälle auf Ausländerunterkünfte und „Fremde“ organisierte. Sie kämpft en getreu dem Schwur der überlebenden Häft linge des KZ-Buchenwald: „…Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Und sie leisteten Unglaubliches als Zeitzeug*innen, indem sie jungen Menschen aus eigenem Erleben von ihren Erfahrungen aus dem antifaschistischen Kampf und von den Folgen faschistischer Herrschaft , nicht nur in unserem Land, berichteten. Wir, die Nachkommen, halten es für unsere historische Pflicht, in dieser Zeit des wachsenden Rechtsextremismus zu warnen! In ihrem Sinne sagen wir deutlich: Wir brauchen das breite politische, zivilgesellschaftliche Bündnis aller Menschen, die sich für eine demokratische, friedliche, sozial gerechte Gesellschaft einsetzen, ohne Ausgrenzung und Kriminalisierung von Migranten oder Flüchtlingen. Damals die NSdAP und heute die AfD profitieren von der Unzufriedenheit der Menschen mit der sozialen Lage. Nur bei Absicherung der Lebensgrundlage Aller, können die extremen rechten Gruppen und Parteien zurückgedrängt werden.
Wir begrüßen die zahllosen Kundgebungen und Aktionen gegen rechts und rufen dazu auf, dieses Engagement fortzusetzen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass der Raum für die extreme Rechte auf der Straße, im Betrieb und insgesamt in der Gesellschaft enger wird. Stoppen wir den Vormarsch der AfD und anderer rechter Parteien bei der EU-Wahl und bei den kommenden Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen.

TV-Duell zwischen Mario Voigt und Björn Höcke am heutigen Gedenktag der Befreiung von Buchenwald

12. April 2024

Das TV-Duell am 11.04.2024 – dem Tag der Selbstbefreiung und Befreiung des KZ Buchenwald – der Herren Voigt (Spitzenkandidat der CDU Thüringen) und Höcke (AfD) hat der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitee wie folgt kommentiert:

Ein besonderes TV-Duell, so will man uns weismachen: Ein Hochamt der Demokratie gewissermaßen. Und dennoch wissen alle, dass dieses Gespräch für beide Partner aus rein egozentrischen Motiven entstanden ist: Herr Voigt möchte etwas bekannter werden und sich als Hauptfigur in der thüringischen Politik positionieren. Dafür geht er gerne einen temporären Bund mit Herrn Höcke ein, der verkniffen und dennoch leichtfüßig aus der rechtsextremen Schmuddelecke der Gesellschaft in den Ring von Welt TV tänzeln darf -zwei wahrhaft ideologische Schwergewichte, die Thüringen aufmischen, wie es noch nie jemand geschafft hat, außer Welt-TV natürlich, das an diesem Tag das Erbe Axel Springers ganz besonders feiert. 

Ach ja, da war doch noch was: Ja, an diesem 11. April im Jahr 1945 wurde das in Thüringen befindliche Lager Buchenwald befreit: Verdreckte, ausgehungerte und übriggebliebene Menschen entkamen in letzter Sekunde ihren deutschen Mördern: Sie verjagten sie und empfingen ihre amerikanischen Befreier genauso todmüde und traumatisiert wie in Auschwitz ihre Leidensgenossen die sowjetischen oder die Menschen in Bergen-Belsen ihre englischen Befreier empfangen hatten. Unter den Überlebenden, von denen die jüdischen und die der Sinti und Roma fast alle mutterseelenallein waren – alle ihre Familien waren in den Gaskammern der Nazis getötet worden – bestand nach diesen Befreiungen ein enges Band: Nationale Lagerkomitees von Überlebenden entstanden in vielen Ländern: Man suchte die Nähe, den Austausch, die gemeinsame Trauer und man suchte gemeinsam nach denen, auf deren Rückkehr man noch hoffte.

 Jahre der Tränen, der abgrundtiefen Verzweiflung und auch des Hasses gegenüber den Tätern und all den Gleichgültigen in Deutschland, die alles gesehen und hatten geschehen lassen. Später entstanden auf der Grundlage der nationalen Komitees internationale Lagerkomitees, die die Arbeit erweiterten, die Überlebenden über Ländergrenzen zusammenführten und denen es sogar während der Zeiten des Kalten Krieges in Europa gelang die nationalen Komitees zusammenzuhalten -wie im Fall des Internationalen Auschwitz Komitees: Was man in Auschwitz, in Buchenwald, oder in Mittelbau-Dora gemeinsam durchlitten und ertragen hatte war stärker und verbindender als das, was einem die Ideologen des Kalten Krieges an Distanz verordnen wollten. 

Jetzt waren sie „Überlebende“. Die neue Identität war kein Endstadium: Vielmehr mussten sie ihre Befreiung tagtäglich neu erkämpfen. Dabei entwickelten sie eine enge Bindung an den Tag ihrer Befreiung und zu den Orten ihres Leidens: Sie wollten – gerade an den Jahrestagen der Befreiung- als freie Menschen zu diesen Orten zurückkehren, sich selbst mussten und der Welt wollten sie sagen: Wir haben überlebt. Wir sind die Sieger der Geschichte. Wir werden auf die Welt aufpassen, damit „so etwas“ nicht wieder geschehen kann: Natürlich, die Überlebenden hätten mit Flugzeugen oder Bussen nach Deutschland reisen können, koordinierte Anreise zu den Gedenkfeierlichkeiten, bei denen sie sich gegenseitig in ihren Sprachen ihre Ängste und ihre Hoffnungen, ihre Forderungen und ihre Wut hätten mitteilen können, um dann -an den Deutschen vorbei- in geschlossenen Bussen diesen Ort der deutschen Schande schnellst möglichst wieder zu verlassen: Aber -und das ist ihre Größe – sie haben sich anders entschieden: Überlebende sind auf die Angehörigen und die Nachkommen der Täter zugegangen, sie haben Gesprächsangebote gemacht, in Schulen, in Kirchengemeinden, bei den Gewerkschaften: Sie haben erzählt und erzählt, über populistischen Hass, antisemitischen Terror, die Ideologie der Nazis, die Systematik der Vernichtung in den Lagern, die Gesichter der Täter und deren Verschwinden am Ende des Krieges. Sie haben beklagt, dass die Schuldigen wieder in der Mitte der Gesellschaft ihre Plätze fanden, dass kaum ein Gerichtsverfahren gegen die Täter eröffnet wurde, dass die Gleichgültigkeit eiseskalt weiterlebte. 

Und sie haben erzählt über die Republik und die Demokratie und dass man sie schätzen und schützen muss. Ja, auf diese Weise und mit dieser Haltung haben die Überlebenden den Deutschen überhaupt erst die Tür zur Welt geöffnet und den Weg zurück in die Völkergemeinschaft geebnet. Und sie haben gehofft, dass die Deutschen und ganz besonders die jungen Deutschen nach der Wiedervereinigung den Satz leben würden, mit dem die ungarisch-jüdische Auschwitz-Überlebende Erszi Szemes jedes ihrer Zeitzeugengespräche beendete: „Ihr müsst die Republik behüten.“ 

Und nun also, am 11. April 2024, reisen Überlebende und ihre Nachkommen nach Weimar und Buchenwald, um am Tag ihrer Befreiung mit einem TV – Spektakel konfrontiert zu werden, das sich auch noch als besonderer Beitrag des Gedenkens kostümieren möchte. Die Überlebenden fragen sich, ob den Beteiligten klar ist, welche Irritationen und Verletzungen der Missbrauch dieses Tages und die Auslieferung dieses Termins an Herrn Höcke bei ihnen hervorrufen werden: Sie machen sich über die Rolle Herrn Höckes im europäischen Faschismus und dessen Pläne längst keine Illusionen mehr und es ist ihnen absolut unverständlich, wie Menschen in Thüringen bei der nächsten Wahl Höcke und seine braune Partei überhaupt in Betracht ziehen können, wo sie Buchenwald, Mittelbau-Dora und andere Gedenkstätten tagtäglich vor Augen haben. Die Überlebenden der Lager, unter ihnen die unvergessene Eva Fahidi aus Budapest, die vor wenigen Monaten starb, haben in Thüringen vor vielen Menschen gesprochen und ihnen berichtet, was ihnen widerfahren ist und welche politischen Kräfte dafür Verantwortung getragen haben. Das alles darf nicht vergebens gewesen sein.

Pressemitteilung des Internationalen Auschwitz Komitee

Programme zu Veranstaltungen/Gedenkfeiern zum 79. Jahrestages der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald

10. April 2024

Im folgenden die Programmpunkte für die Tage vom 12. – 14. April in und um Weimar:

12. April, 16:00 Uhr: 87. Baumpflanzaktion, Andersenstraße/ Ecke Kromsdorfer Straße

Das Internationale Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos wird in Erinnerung an die 2023 verstorbene Weimarer Ehrenbürgerin Éva Fahidi-Pusztai, die das zum KZ Buchenwald gehörende Außenlager Münchmühle überlebte, einen Wildapfelbaum pflanzen.
2022 pflanzte Éva Fahidi-Pusztai in unmittelbarer Nähe einen Apfelbaum für ihre Schwester und ihre Eltern, die 1944 im KZ Auschwitz ums Leben kamen.

13. April, 16:30 Uhr: 88. Pflanzaktion auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes Weimar-Nohra bei Nohra

Auf dem Gelände befand sich das ehemalige Konzentrationslager Nohra, auf dem bereits am 3. März 1933 die ersten Menschen eingeliefert wurden und dass damit zu den frühsten Kon- zentrationslagern zählt.
Angehörige und Freunde werden in Erinnerung an die ehemaligen Häftlinge des KZ Buchen- wald Robert Siewert, Karel Vrkoslav, Willi Rattai sowie an die Zwangsarbeiter des KZ Buchen- wald vier Gedenkbäume pflanzen.

14. April, 10:00 Uhr: 13. Treffen der Nachkommen im Kinosaal der Gedenkstätte Buchenwald

Das Thema des diesjährigen Treffens ist „Zwangsarbeit im KZ Buchenwald

Programm:

„Die Moorsoldaten“
Chor „Pir-Moll“ 

Begrüßung: Karl-Friedrich Limburg
Vorsitzender des Vorstandes der LAG Buchenwald-Dora e.V.

„Die Wilden Gesellen“ – von den Kameraden schon im KZ gesungen
Chor „Pir-Moll“  

Grußworte: Petra Pau
Vizepräsidentin des Deutschen Bundestage
Herr Bodo Ramelow (angefragt)
Ministerpräsident des Freistaates Thüringen
Herr Prof. Dr. Jens-Christian Wagner (angefragt)
Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora 
Naftali Fürst   
Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos

„Tsu eyns, tsvey, dray“ – jiddisches Lied aus dem Ghetto Wilna
„Gefüget aus Beton und Stahl“  – Sachsenburg-Lied
Chor „Pir-Moll“  

Hauptvortrag: „Zwangsarbeit im KZ Buchenwald“
Dr. Michael Löffelsender
Kurator der Gedenkstätte Buchenwald

Baumbach-Duo

Beitrag: „Zwangsarbeit im KZ Buchenwald – Widerstand und Sabotage“                                   
Karl-Friedrich Limburg gemeinsam mit Nachkommen von Häftlingen

Baumbach-Duo

Erklärung der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e.V.
André Goldstein
Mitglied des Vorstandes der LAG Buchenwald-Dora e.V.

Buchenwaldlied              
Gemeinsam mit dem Chor „Pir-Moll“

Im Anschluss lädt die LAG Nachkommen von Buchenwald-Häftlingen herzlich zu einem Gedankenaustausch ein –  Ort wird dann mitgeteilt – Treffen vor dem Kinosaal

Die LAG Buchenwald-Dora schließt sich der Trauer um das Buchenwaldkind Stefan Jerzy Zweig an

31. März 2024

Trauer um das Buchenwaldkind“ Stefan Jerzy Zweig.
Wie erst jetzt bekannt wurde, ist er bereits im Februar in Wien im Alter von 83 Jahren verstorben. 

Bereits im Februar verstarb in Wien Stefan Jerzy Zweig. Als das Buchenwaldkind“ in Bruno Apitz‘ fiktionalisierten Roman „Nackt unter Wölfen“ (1958) wurde er weltberühmt.

Informationen zu Stefan Jerzy Zweig

Pressemitteilung des Internationalen Auschwitz Komitees zur geplanten Fernsehdiskussion zwischen Mario Voigt (CDU) und Björn Höcke (AfD) am 11. April, dem Tag der Befreiung von Buchenwald und Mittelbau-Dora

6. März 2024

Zur geplanten Wahlkampf-Diskussion zwischen dem Thüringer CDU-Vorsitzenden Mario Voigt und dem Thüringer AfD-Spitzenkandidaten Björn Höcke am 11. April, dem Tag der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora, betonte in Berlin Christoph Heubner, der Exekutiv Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees:

„Die Entscheidung des Thüringer CDU-Vorsitzenden, einem der bekanntesten Gallionsfiguren rechtsextremer Hetze in Europa ausgerechnet an diesem Gedenktag einen weithin beachteten Auftritt zu ermöglichen, mutet Überlebenden des Holocaust politisch völlig instinktlos und makaber an.
Sie empfinden dies als Beschädigung der von allen demokratischen Parteien geförderten und geforderten Erinnerungskultur in Deutschland und auch als Beschädigung des Vertrauens, das zwischen Überlebenden der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager und Thüringen und Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist.“

Zur Pressemitteilung des IAK Berlin

Save the Date für Veranstaltungen/Gedenkfeiern zum 79. Jahrestages der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald

18. Februar 2024

Freitag 12.04.2024, 16:00 Uhr, Andersenstraße, 99427 Weimar:
Baumpflanzung im Projekt „1000 Buchen für Buchenwald“ des Lebenshilfewerks Weimar/Apolda e.V. 
Erinnerungsbaum für Eva Fahidi-Pusztai

Samstag 13.04.2024, 16:30 Uhr, Erfurter Str. 40, 99428 Nohra:
Baumpflanzung im Projekt „1000 Buchen für Buchenwald“ des Lebenshilfewerks Weimar/Apolda e.V. 
Erinnerungsbäume für:
Robert Siewert
Karel Vrkoslav
Willi Rattai
Häftlinge, die Zwangsarbeit leisten mussten u.a. bei Krupp, Carl Zeiss, Siemens, BMW

Sonntag 14.04.2024, 10:00 Uhr, Kinosaal der Gedenkstätte Buchenwald
XIII. Treffen der Nachkommen der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e.V.
Diesjähriges Thema: Zwangsarbeit

Sonntag 14.04. 2024, 12:00 Uhr, Eingang Bühne des Kinosaals der Gedenkstätte Buchenwald
Die LAG Buchenwald-Dora e.V. lädt alle Nachkommen von Buchenwald-Häftlingen und andere Interessierte zu einem Gedankenaustausch ein:

Was heißt es für uns heute persönlich und politisch, dass unsere Vorfahren in Buchenwald eingesperrt waren und den Schwur von Buchenwald geleistet haben? Können wir uns gegenseitig bei der Spurensuche unterstützen und vernetzen? Treffen wir eventuell auf Menschen die mit unseren Vorfahren im gleichen Block waren? Oder, oder, oder….? 

Sonntag 14.04.2024, 15:00 Uhr, Apellplatz des Lagers Buchenwald
Gedenkfeier des IKBD, Internationales Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos

Sonntag 14.04.2024, 17:00 Uhr, Glockenturm
Kranzniederlegung

Weitere Termine sind auf der Website der Gedenkstätte zu finden

Reinhold Loch

1. Februar 2024

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Sohn von Erich und Irma Loch

Am 26. August 1947 wurde ich als Sohn von Irma (geb. 28.11.1922) und Erich Loch (geb. 12.9.1910) in Essen – Stoppenberg geboren. Dort lebten wir bei den Eltern meiner Mutter, bis wir eine 2-Zimmer-Dachgeschosswohnung in der Geitlingstraße in Essen fanden.

Am 17. Dezember 1952 erlebte ich als Fünfjähriger das erste Mal bewusst, dass mein Vater polizeilich überwacht wurde. Vor unserer Wohnungstür standen zwei Männer mit langen Mänteln und großen Hüten. Sie hatten nicht an der Haustür geklingelt, sondern sich über das Klingeln bei einer Nachbarin Zutritt zum Haus verschafft.

Es waren zwei Mitarbeiter der politischen Polizei, die meinen Vater kurz vor Weihnachten mitnahmen und ins Gefängnis am Haumannplatz in Essen brachten. Dort waren Besuche von Kindern nicht erlaubt, so dass ich meinen Vater 10 Monate nicht sehen durfte. Mein einziger Kontakt blieb ein Arm mit einem weißen Tuch, der mir und meiner Mutter aus dem vergitterten Zellenfenster an einem verabredeten Tag und zu einer verabredeten Uhrzeit zuwinkte.

Jetzt verstand ich, ein Erlebnis aus dem Mai 1952 richtig einzuordnen. Mein Vater fuhr mit mir im Auto über die Rüttenscheider Straße nach Hause. An der Rüttenscheider Brücke konnten wir auf die Alfredstraße sehen und beobachten, wie uniformierte Polizisten mit Schlagstöcken und viel Gebrüll auf Menschen einknüppelten und versuchten, diese auf bereitstehende LKWs zu prügeln. Wir bogen links ab in Richtung Krupp Krankenhaus und trafen auf zwei junge Männer. Der Eine trug seinen Freund auf dem Rücken, weil der einen glatten Fußdurchschuss aus einer Polizeipistole hatte. Mein Vater ließ beide einsteigen, setzte mich bei meiner Mutter ab, und brachte den Verletzten und seinen Freund zu Doris Maase, einer Ärztin in Düsseldorf. Später habe ich dann erfahren, dass Doris Maase die Haft im Konzentrationslager Ravensbrück überlebt hat und nach der Befreiung aktiv für die KPD in Düsseldorf gearbeitet hat.

Mein Vater bewahrte die beiden jungen Männer vor der Verhaftung, denn sie waren Teilnehmer an der großen Demonstration am 11. Mai 1952 gegen die bundesdeutsche Wiederbewaffnung auf der Philipp Müller – ein kommunistischer Arbeiter –  erschossen wurde.

Jetzt hatte ich mehr gefühlt als begriffen, dass mein Vater und meine Mutter ein sehr politisches Leben führten und ich versuchte danach, dies zu verstehen und nachzuvollziehen.

Erst als Jugendlicher begann ich richtig zu begreifen, was insbesondere mein Vater für einen Lebens- und Leidensweg hinter sich hatte und für welche Ziele er mit aller Kraft jeden Tag arbeitete.

Der Lebensweg meines Vaters – des kommunistischen Widerstandskämpfers Erich Loch –  bleibt immer in meiner Erinnerung und prägt bis heute auch meine politische Haltung.

Geboren am 12.9.1910 in einer Bergmannsfamilie mit 7 Kindern in Essen. Achtjährige Volksschule, kaufmännische Lehre bei den Kellermann-Werken in Essen – Katernberg und bis Mitte 1929 kaufmännischer Mitarbeiter, danach bis März 1933 Expedient bei den Stickstoff-Werken in Castrop-Rauxel.

Ab September 1931 Mitglied der KPD, des Kampfbundes gegen den Faschismus und des RFB (Rot Frontkämpfer Bund)[2]. Beginn der Arbeit für die kommunistische Bewegung.

Erste Verhaftung in der Nacht des Reichstagsbrandes am 27./28. Februar 1933 beim Kleben von Wahlplakaten für die 5. März Wahl. Nach der Freilassung sollte auf der Arbeitsstelle seine erneute Verhaftung erfolgen. Arbeitskollegen warnten ihn, so dass er nach Haarlem in Holland emigrieren konnte. Dort war er zuständig für die Anfertigung von Flugblättern und Zeitungen.

Bei der Übergabe von illegalem Material erfolgte die Verhaftung im März 1934 in Aachen und im Dezember 1934 die Verurteilung zu 4 ½ Jahren Zuchthaus vom 1. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm wegen Vorbereitung zum Hochverrat.

März 1934 bis Dezember 1934 Gefängnis Aachen
Dezember 1934 bis Oktober 1935 Zuchthaus Münster
Oktober 1935 bis Januar 1936 Zuchthauslager Neu-Sustrum
Januar 1936 bis März 1936 Zuchthauslager Aschendorf
März 1936 bis September 1938 Zuchthaus Freiendiez
September 1938 bis zur Selbstbefreiung am 11.4.1945 Konzentrationslager Buchenwald

Im Lager Buchenwald war mein Vater Mitglied der illegalen internationalen Lagerorganisationen. Diese Organisationen (ILK internationales Lagerkomitee und IMO internationale Militärorganisation) wurde auf Initiative von überwiegend kommunistischen Häftlingen gebildet, auch mit dem Ziel, Funktionsstellen, die von den SS-Wachmannschaften an Häftlinge übergeben wurden, zu bekommen. Diese Kapo-Funktionen, z.B. im Lazarett, im Lebensmittelmagazin, in der Effektenkammer, in der Apotheke, in der Elektrowerkstatt usw. wurden dazu genutzt, um im Rahmen einer begrenzten Selbstverwaltung, das Leben der Häftlinge im Lager erträglicher zu machen und einen, wenn auch kleinen, Handlungsspielraum zu gewinnen.

Auszug aus dem Lebenslauf von Erich Loch, 15.02.1946

Ein großer Teil der Häftlinge musste in den Rüstungsfabriken der Gustloff – Werke in Weimar und später auch in unmittelbarer Nähe zum Lager arbeiten. Dies eröffnete die Möglichkeit, Einzelteile von Pistolen, Gewehren, Handgranaten und Munition ins Lager zu schmuggeln. Bei Entdeckung bedeutete das immer den sicheren Tod. Wie so viele Widerstandskämpfer hat auch mein Vater nicht über seine schrecklichen Erlebnisse erzählt und ich habe auch nicht gefragt. In den fünfziger und sechziger Jahren habe ich viele Buchenwaldkameraden meines Vaters persönlich kennengelernt. Sie waren sich immer noch sehr freundschaftlich verbunden und halfen sich gegenseitig, wo und wann immer es möglich war. Die Freundschaft zwischen meinem Vater und Reinhold Lochmann (Häftlings-Nr. 2455) muss so intensiv gewesen sein, dass ich den Vornamen Reinhold erhielt. Ich bin stolz darauf und freue mich, dass sich der gute Kontakt zu seiner Tochter Gisela über die Jahre erhalten hat und wir gemeinsam in der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald/Dora e.V. im Sinne unserer Väter politisch arbeiten.

Viele waren Mitglieder des illegalen internationalen Lagerkomitees (ILK) und der internationalen Militärorganisation (IMO) gewesen. Alle waren geprägt durch die Erfahrungen in ihrer Jugend, die durch soziale Umbrüche, soziale Ungerechtigkeit und große Not, auch im ganz persönlichen Umfeld gekennzeichnet war. Alle hatten sich durch die Erklärungen der aktuellen Situation und durch die Entwicklung von Perspektiven von der kommunistischen Lehre angesprochen gefühlt. Sie haben sich mit der Theorie auseinandergesetzt, haben eine Überzeugung entwickelt, für die sie politisch eingetreten sind. Dies war in der Endphase der Weimarer Republik und in der Nazidiktatur eine mutige, lebensbedrohliche Entscheidung. Alle sind lange inhaftiert gewesen, teilweise von 1933 bis zur Selbstbefreiung des Lagers am 11.04.1945.

Jedes Mal, wenn ich in Buchenwald war, habe ich mir die Frage gestellt: Wie haben die Häftlinge diese unmenschlichen Lebensumstände ausgehalten? Was hat ihnen Kraft und Stärke gegeben?

An Normen und Grundwerten festhalten, sich verantwortlich fühlen, Verantwortung leben, helfen, zusammenhalten, Kameradschaft, Freundschaft und Disziplin bewahren, leiden und kämpfen für eine gerechte Sache, eine bessere Zukunft, eine friedliche Welt, sich Gefühle leisten und die Würde wahren – dafür steht der Einsatz der Häftlinge, in der illegalen Lagerorganisation, im Widerstand unter täglicher Lebensgefahr.

Selbst eingesperrt waren sie Handelnde und haben sich durch die Bildung und Aufrechterhaltung einer Organisation und durch Disziplin einen, wenn auch häufig nur kleinen Handlungsspielraum geschaffen und erhalten. Ihre Gesinnung schützte sie vor Demoralisierung.

Immer wenn sie sich trafen, ging es um die positiven Erlebnisse während ihrer Gefangenschaft, um Solidarität und gegenseitige Hilfe.

Hier ein Beispiel aus dem Buch von Theo Gaudig (Häftlings-Nr. 7/2073) Das 20. Jahrhundert der Gaudigs, S. 101, Klartext Verlag Essen:
… Darin befand sich eine Küche und auch der Lagerraum der Apotheke. Dort musste ich nun auch sauber machen, alle Pötte raus, um dahinter zu fegen. Da stoße ich dann auf so Pötte, da war eine komische Masse drin, sah etwa aus wie dicke Marmelade oder irgendein Fruchtextrakt. Als ich fertig war, fragte ich: Was habt ihr denn dahinten für Marmelade stehen? Die vergammelt ja. Hast du denn mal probiert? Probiere die Marmelade mal! Ich gehe also hin und probiere es: War das sauer! So sauer, das kann man sich gar nicht vorstellen, dass es so etwas Saures überhaupt gibt! Es kam dann raus, dass es Zitronenmark war. Man wusste nicht, was man damit machen soll. Doch einer sagte: „Mensch, du bringst mich auf einen Gedanken“. Es vergingen ein paar Tage, dann hieß es auf einmal: „Da draußen ist ein Sack, den sollst du reinholen.“ „Ja, was ist das denn?“ „Das ist Zucker.“
Es war tatsächlich ein halber Zentner Zucker. „Ja, wo kommt denn so viel Zucker her? Und wieso kann man den so einfach über die Straße transportieren und keiner fällt drüber her, obwohl alle halb verhungert sind?“
Ich habe es nicht begriffen. Es verriet mir auch keiner. Jedenfalls war der Zucker für das Zitronenmark bestimmt. Ich sollte das Mark versüßen, ein wenig Wasser dazu tun und dann sollten die operierten Häftlinge etwas Saures bekommen, das aber noch genießbar war.
Ich fragte mich immer wieder, wo ein halber Zentner Zucker in einem so ausgehungerten Loch, wie es Buchenwald war, herkam. Später kam ich dahinter: Es gab einen Kameraden, ein Essener, der Erich Loch hieß. Dieser Erich Loch war eigentlich der „Ernährungsminister“ Buchenwalds. Nicht nur für die Häftlinge, sondern auch für die SS-Kasernen. Er hatte einen ganzen Stab, er war natürlich der entsprechende Organisator, der es auch konnte. Er hatte natürlich eine SS-Aufsicht, die aber wenig Ahnung hatte. Der Häftling machte es. Diesen Erich Loch habe ich dann später mal gefragt: „Mensch, der halbe Zentner Zucker geht mir nicht aus dem Kopf.“ „Ja“, sagte er, „ ganz einfach. Jeder SS-Mann hatte ein Recht auf 25 Gramm Zucker pro Tag.“ Ich habe ihm aber nur 23 Gramm Zucker gegeben. Jetzt kannst du ausrechnen wie viel Gramm Zucker bei 8.000 SS-Leuten dann auf einmal da waren. Das war der Zucker, den ich euch dann in die Krankenbaracke gebracht habe. ……..

Anfang April 1945 befanden sich noch über 50.000 Häftlinge im Lager. Jeden Tag versuchte die SS möglichst viele Häftlinge auf die Todesmärsche in Richtung der noch von Deutschen kontrollierten Gebiete zu schicken. Von Osten näherte sich die rote Armee und von Westen die amerikanischen Soldaten dem Lager Buchenwald auf dem Ettersberg in der Nähe von Weimar. Die Mitglieder des illegalen internationalen Lagerkomitees versuchten, in Verbindung mit den Kapos und den Blockältesten, möglichst viele Häftlinge vor den Todesmärschen zu schützen und im Lager zu behalten.

Mein Vater hat mir erzählt, dass die Lagerleitung der SS Pläne hatte, dass gesamte Lager zu vernichten. Hierzu waren u.a. Maschinengewehre auf den Wachtürmen installiert. Am 11. April 1945 gab deshalb die Leitung der illegalen Militärorganisation die Weisung zum Aufstand. Die Häftlinge der internationalen Militärorganisation überwältigten die letzten verbliebenen Wachmannschaften der SS und befreiten das Lager mit noch ca. 21.000 Häftlingen. Um 15.15 Uhr verkündete der Lagerälteste Hans Eiden: „Kameraden wir sind frei“.

Am 13. April 1945 wurde das Lager vom Internationalen Lagerkomitee an die 4. US-Panzerdivision übergeben.

Mein Vater erhielt von den Amerikanern den Auftrag zur Versorgung des gesamten Lagers mit Verpflegung. Das amerikanische Militär nutzte den Umstand, dass durch die Mitglieder des nunmehr legalen internationalen Lagerkomitees eine Struktur zur Verwaltung des Lagers existierte.

Das führte dazu, dass die Verpflegung des Lagers vom 1. Tag der Befreiung an gewährleistet war, wenn auch nach wie vor zu sehr geschwächte Häftlinge verstarben. Nach der Befreiung anderer Konzentrationslager wie Ravensbrück, Sachsenhausen usw. starben noch viele Häftlinge an Hunger und fehlender medizinischer Versorgung. Hier dauerte es Tage, bis eine einigermaßen stabile Versorgung möglich war. Viele Häftlinge versuchten dort deshalb, das Lager auf eigene Faust zu verlassen und sich irgendwie durchzuschlagen.

In Buchenwald wurde es über die bestehenden Strukturen des Lagerkomitees mit Unterstützung des amerikanischen Militärs geschafft, eine geordnete Räumung des Lagers zu organisieren. Hier ging es vor allem um Verpflegung, Transportmittel und Kleidung. Insbesondere ist zu berücksichtigen, dass durch die gezielte Zerstörung, Bombardements, fehlende Kommunikationsmittel usw. eine funktionierende Infrastruktur in Deutschland nicht vorhanden war.

Das Anerkennungs- /Empfehlungsschreiben der  amerikanischen Militärverwaltung

Ich bin immer wieder überrascht, welche Leistungen das internationale Lagerkomitee mit Walter Bartel an der Spitze in Buchenwald vollbracht hat. Es macht mich betroffen wie die Tätigkeit von  Häftlingen in sogenannten Leitungsfunktionen bewertet wird, bis hin zu der Behauptung, dass sie nur überlebt hätten, weil für sie andere sterben mussten. Leider habe ich auch hier keine Fragen an meinen Vater gestellt.

Foto mit Kurt Goldstein (2. von links), Walter Veigel (stehend ganz rechts), Erich Loch (stehend, 6. von links ) nach der Befreiung; Gruppenfoto des Arbeitskommandos Magazin – Nachlass Erich Loch

Die schrecklichen Erlebnisse während der Verfolgung und der Haft im Konzentrationslager Buchenwald hielten ihn nach seiner Rückkehr nach Essen im Juli 1945 nicht davon ab, nach der Befreiung vom Faschismus weiter in der kommunistischen Bewegung für eine Welt ohne Krieg zu kämpfen. Er arbeitete als Verlagsleiter bei der Zeitung Freies Volk, ab 1.9.1949 das Zentralorgan der KPD. Er war Vorstandsmitglied des Rheinisch-Westfälischen Zeitungsverleger-Vereins und Mitglied im beratenden Ausschuss für das Pressewesen in Düsseldorf u.a. mit Dietrich Oppenberg, Dr. Kurt Neven-Dumont, die im weiteren Verlauf Nachkriegsdeutschlands das Zeitungs- und Verlagswesen mitprägten.

Die erste Seite des Protokolls der Vorstandssitzung des Rheinisch-Westfälischen Zeitungsverleger-Vereins vom 8.11.1949 ist als Datei beigefügt)

Mit der Wende in der amerikanischen Außenpolitik und der Entstehung des „Kalten Krieges“ veränderte sich die Situation für meinen Vater: statt Zusammenarbeit folgte eine massive Ausgrenzung.

Es ist fast eine Ironie des Schicksals. 1934 wurde mein Vater angeklagt und verurteilt wegen der Vorbereitung zum Hochverrat. 1952/1953 mit 10-monatiger Untersuchungshaft und 1955 /1956 mit 5 Monaten Untersuchungshaft in Landau (Pfalz) wurde er in der Bundesrepublik wieder wegen der Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt. Allerdings wurde er nicht verurteilt und im April 1959 freigesprochen.

Auch nach dem Verbot der KPD im Jahre 1956 ging die Überwachung meines Vaters und unserer Familie weiter. Nach meinem Betriebs- und Volkswirtschaftsstudium stellte ich einen Antrag für die Zulassung zum Referendariat als Studienrat an berufsbildenden Schulen. Das Referendariat schloss ich mit der im Januar 1975 erfolgreich bestandenen 2. Staatsprüfung zum Studienrat ab.

Der Schulleiter meiner Ausbildungsschule hatte mich bereits als vollwertige Lehrkraft im Stundenplan eingeplant. An meinem ersten Arbeitstag nach der bestandenen Prüfung trat ich meinen Dienst an der berufsbildenden Schule in Duisburg wie laut Stundenplan vorgesehen an. Meine Ernennungsurkunde lag noch nicht vor, der Schulleiter telefonierte mit dem Regierungspräsidenten in Düsseldorf und in der 1. großen Pause teilte er mir mit, dass die vorgesetzte Behörde ihm erklärt habe, dass ich nicht auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung stehe und ein Verfassungsfeind sei. Er bemerkte kurz, dass er dies aus seiner Sicht überhaupt nicht nachvollziehen oder gar bestätigen könne.

Der Radikalenerlass und das Berufsverbot hatten zugeschlagen. In der Anhörung beim Regierungspräsidenten in Düsseldorf, der Teilnehmer des Innenministeriums stellte sich als Dr. Spitzel vor, wurde mir unter anderem vorgehalten, dass ich Mitglied der VVN sei, dass ich an einer Maiveranstaltung der DKP teilgenommen und dass mein Auto mit der Nummer E – KP 262 (damals bekam man seine Autonummer vom Straßenverkehrsamt bei der Anmeldung zugeteilt) in der Nähe des Steeler Stadtgartens in Essen geparkt hätte. Dort habe eine Veranstaltung der DKP stattgefunden.
Da sind mir dann doch die Gedanken an die Sippenhaft der NS – Zeit gekommen.

Nach dem Tod meines Vaters besuchte mich ein Mitarbeiter  des Verfassungsschutzes aus Düsseldorf. Dies habe ich damals als „Anwerbeversuch“ interpretiert. Seit dieser Zeit sind mir und meiner Familie allerdings weitere Schwierigkeiten und Kontakte erspart geblieben.

Den Untergang der DDR 1989/90 und der Sowjetunion 1991, d.h. des real existierenden Sozialismus, führte bei mir dazu, eine „Auszeit“ von der politischen Arbeit zu nehmen, meine Gedanken neu zu ordnen und mich auf meine Familie zu konzentrieren. Doch die Familiengeschichte meines Vaters und seiner Buchenwaldkameraden hat mich nie losgelassen. Der Besuch der Gedenkveranstaltungen zum Befreiungstag des KZ Buchenwald im April eines jeden Jahres, meist initiiert und unterstützt von meiner Mutter Irma, war für mich und meine Familie Verpflichtung.

Gerade die Entwicklung in den letzten Jahren, geduldete Aufmärsche von Neo- und Altnazis, einer AfD im Bundestag und allen Landtagen, die Lösung von Konflikten durch Waffenproduktion und damit Krieg, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hat mich veranlasst, wieder in der VVN/BdA, den Kindern des Widerstandes und der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald/Dora aktiv zu sein.

Der Schwur von Buchenwald, den die befreiten Häftlinge am 19. April 1945 schworen ist aktueller den je.

Auszugsweise:
„wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.“

Jetzt wird sogar versucht, Menschen, die sich für den Schwur von Buchenwald einsetzen, zu Verfassungsfeinden zu erklären und wie Silvia Gingold vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen. Ich wünsche mir, dass viele Menschen wachsam sind, sich einmischen und für eine gerechte Welt ohne Krieg eintreten. Mein Vater und seine Mitstreiter haben dafür sogar ihr Leben riskiert. Wir in der Bundesrepublik Deutschland können dies im Moment noch tun, ohne Angst um Leib und Leben zu haben. Es wäre tragisch, wenn wir erst wieder unter lebensbedrohlichen Umständen lernen müssten, über alle ideologischen Grenzen hinweg solidarisch zu sein und Widerstand zu leisten.

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