Gedenktag für die Opfer des Faschismus 2015 in Frankfurt (Oder)

23. September 2015

Hunderte standen still auf dem ehemaligen Appellplatz des Konzentrationslagers Buchenwald am diesjährigen 12. April. Die Vielen waren gekommen, um der mutigen Aktion der Häftlinge bei der Selbstbefreiung des Lagers zu gedenken und zu manifestieren, dass dem Gedenken Tätigwerden folgen muss.

In die Stille des Nachmittags tönte klar artikuliert die kräftige Stimme des heute vierundneunzigjährigen ehemaligen deutschen politischen Häftlings Ottomar Rothmann, der den ihm zugedachten Teil des Schwurs von Buchenwald verlas. Seine Kameraden aus Polen, Kanada, Tschechien, Frankreich und der Ukraine lasen ihre Teile in ihren Landesprachen.
Und nach dem „Wir schwören!“ herrschte auf dem Platz ein spannungsreiches Knistern, wie es am 19. April 1945, als die 21 000 Überlebenden geschworen hatten, geherrscht haben könnte.
„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unser Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ -
Das war nicht einfach dahingesagt. Die Worte entsprachen den Erfahrungen aus zwölf bitteren Jahren faschistischen Terrors.
Allerdings wurden die Erfahrungen so schnell vergessen gemacht, sodass Losung und Ziel sich nicht verwirklichen ließen.
In manchen Äußerungen zu diesem Befreiungstag kamen die Enttäuschung und die Verbitterung darüber zum Ausdruck und das muss uns sehr nachdenklich machen, denn die ehemaligen Häftlinge tragen für diesen Zustand die geringste Verantwortung.

Auf den Schwur von Buchenwald bezogen sagte Ivan Ivanji, der als 16 jähriger Jugoslawe befreit wurde:
„Wir sind dem Ziel entgegen geschritten, das sich die Schwörenden gesetzt haben, es hat sich aber immer weiter von uns entfernt. Man muss beständig, muss immer wieder vor dem Nazismus warnen, aber vieles, was wir unter anderem Namen sehen oder erleben, gehört in die gleiche Rubrik. Keineswegs dürfen wir uns mit dem Zustand, in dem wir leben, zufrieden geben, keineswegs verzweifeln, wenn die Welt des Friedens und der Freiheit nur ansatzweise geschaffen wurde und neuerdings selbst da unerwartet wieder bedroht wird. Jetzt sind unsere Kinder und Enkelkinder gefragt, hoffentlich haben wir sie richtig aufgeklärt, tun das auch heute und hier, haben ihnen die richtigen Waffen, Werkzeuge und Ideen anvertraut.“¹

Hoffentlich, möchte ich ausrufen.
In Deutschland brennen wieder Häuser. Geschwatzt wird in Reden vom hellen und vom dunklen Deutschland. Die aus dem vermeintlich dunklen sind immerhin so helle, dass sie Haus um Haus unerkannt brandschatzen können. Und wir hören: Der Staatsschutz ermittelt. Von Ergebnissen ist höchst selten zu hören, denn fremdenfeindliche, neofaschistische Motive sind nicht zu erkennen – für die Ermittler.

Im Land Brandenburg schlägt man sich gerade vertraut auf die Schultern, weil ein Coup gelang. Feldjäger der Bundeswehr wurden im Schnellgang zu Polizisten, Feldwebel zu Polizeimeistern. Als beispielhaft wird das hingestellt und dringlichst weiter empfohlen.
„25 Feldjäger der Bundeswehr bekommen jetzt eine sinnvolle Aufgabe“, schrieb eine Tageszeitung.² Jetzt?
Und alle sind glücklich, der Brigadegeneral, der Innenminister, die Abgeordneten, linke auch. Man werde die Kooperation fortsetzen, wird gedroht.
Nun ist allgemein bekannt, dass in den deutschen Polizeien strenger Korpsgeist herrscht. Mit den ehemaligen Feldjägern wird neuer hinzukommen. Sie werden ihrem Sinnspruch treu bleiben. Im internen Verbandszeichen, im Barettabzeichen und sonstwo noch wird die Nachbildung des von Friedrich I gestifteten Schwarzen Adlerordens verwendet und dieser hat die lateinische Inschrift suum cuique. Suum cuique ist ein seit der Antike oft ins Spiel gebrachtes Prinzip von Recht, Gerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit. Demnach soll jedem Bürger zuteil werden, was ihm gebührt. Suum cuique ins Deutsche übersetzt heißt: „Jedem das Seine“.

„Jedem das Seine“ hatten die deutschen Faschisten in die Schlupfpforte des Tores zum KZ Buchenwald einarbeiten lassen, lesbar aus dem Innern des Lagers, gedacht zur Verhöhnung der Opfer – in Buchenwald allein waren es 56 000 Tote. „Jedem das Seine“ ist sozusagen Synonym für barbarischen faschistischen Terror geworden.

Vorgänger der 1955 für die Bundeswehr aufgestellten Feldjägereinheiten waren die berüchtigten „Kettenhunde“ der Feldgendarmerie in der Wehrmacht, eine im Morden geübte Truppe, die auch Wehrmachtsangehörige in die KZ trieb. Jedem das Seine?
Eine der vielen Aufgaben der Feldjäger kann der „Einsatz bei unfriedlichen Menschenansammlungen“ sein, wozu, wie es heißt „speziell ausgebildete Feldwebeldienstgrade“ eingesetzt werden.³ Feldwebel der Feldjäger werden künftig brandenburgische Polizisten sein und es sollen mehr werden. Ahnt wer was?

Die da sieben Jahre das Tor mit der Inschrift „Jedem das Seine“ sehen mussten, wenn sie stundenlang Appell standen, wenn sie zur Zwangsarbeit getrieben wurden, wenn sie die toten Kameraden mit ins Lager brachten oder wenn sie durch das Tor geprügelt wurden, werden dieser schon sechzig Jahre währenden Unverschämtheit nicht sprachlos gegenüberstehen, aber sie haben nur noch geringe Kräfte, sich zu wehren.

Wir als Kinder, Enkel, Nachkommen sind gefragt, wie Ivan Invanji sagte.

Und wir wollen laut und deutlich artikulieren: Dass heute in diesem Deutschland Häuser brennen, in denen Menschen untergebracht werden, die unsere Solidarität bedürfen, hat auch mit dem Umgang mit Geschichte zu tun, hat damit zu tun, dass manchem die Nachbildung des preußischen Schwarzen Adlerordens den Verstand für eigenes Denken vernebelt.
Seien wir davor behütet, dass suum cuique zum Sicherheitsverständnis für brandenburgische oder gar deutsche Polizei wird.

Das am 70. Jahrestag des ersten Gedenktages für die Opfer des Faschismus, am 9. September 1945 in Berlin, der auf der Grundlage des eindeutigen antifaschistischen Konsens von Hunderttausenden begangen wurde, feststellen zu müssen, bleibt bittere Tatsache.
Das fordert aber auch, in unseren Bündnissen und überall, wo möglich, wachsam zu bleiben, sensibel zu reagieren und selbstbewusst Widerstand zu artikulieren.

Gerhard Hoffmann
Zum 13. September 2015

¹ Invanji, Ivan: Redebeitrag, 12.4.2015, ehem. Appellplatz Buchenwald. In: Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora (Hrgs.) 70. Jahrestag Sebstbefreiung der Häftlinge KZ Buchenwald 2015. Berlin 2015. S. 129.

²Fritsche, Andreas: Feldwebel sind nun Polizeimeister. In: nd 3.9.2015

³Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Jedem_das_Seine [4.9.2015 gh]
https://de.wikipedia.or/wiki/Feldjägertruppe_(Bundeswehr) [4.9.2015 gh]
https://de.wikipedia.org/wiki/Crowd_and_Riot_Control [4.9.2015 gh]